Tragebaby GmbH

Das Hobby zum Beruf gemacht

Es surrt, dampft und blitzt in den hohen Räumen der ehemaligen Schokoladefabrik in Laupen im Zürcher Oberland. Vier Frauen schneiden, bügeln, overlocken. Eine weitere Mitarbeiterin fotografiert die neue Kollektion für die Website. Jeder Handgriff sitzt. Bei aller Betriebsamkeit: Alles wirkt so gelassen, als wären die Frauen zu Hause und würden ihrem Hobby nachgehen. Ganz falsch ist der Eindruck nicht: Die Mitarbeiterinnen geben jeder Babytrage eine persönliche Note. Eine besondere Stoffmalerei, Applikation, Stickerei oder Spitze macht jedes Produkt zum Einzelstück. Die Hälfte der Belegschaft näht tatsächlich in Heimarbeit. Und das ganze Unternehmen hat sich aus einer privaten Leidenschaft entwickelt.

Eine Selfmadefrau

«Babytragen zu nähen, war ursprünglich mein erweitertes Hobby», sagt Geschäftsführerin Maria Lüscher. Sie habe damit in der Wohnung angefangen, im Jahr 2009 als Mutter von zwei kleinen Kindern. Auf die Idee gekommen sei sie, weil sie das Angebot im Handel nicht überzeugt habe. «Ich brauchte eine Trage, die mitwuchs mit dem Kind und sich so verstellen liess, dass sie auch meinem breitschultrigen Mann passte.» Also setzte sich Maria Lüscher an die Nähmaschine und tüftelte an einem eigenen Modell. Als sie den Dreh raus hatte, sprach sich das rasch herum. Und aus dem Hobby wurde ein Unternehmen mit heute 19 Mitarbeiterinnen. 

Berufliche Eingliederung von Menschen mit Handicap wurde für Maria Lüscher zufällig zum Thema: im Jahr 2012, bei der Einstellung der vierten Mitarbeiterin. Im Bewerbungsgespräch erwähnte die Kandidatin, eine gelernte Coiffeuse, ihre psychische Erkrankung. Maria Lüscher zögerte nicht, der Bezügerin einer IV-Teilrente eine Chance als Seriennäherin zu geben. «Aus Platzgründen beschäftigte ich damals noch ausschliesslich Mitarbeiterinnen in Heimarbeit. Dabei ist Stücklohn üblich. Deshalb die Anstellung kein Risiko.» 

Jedes Produkt ist ein Einzelstück. Die eine Hälfte wird im Atelier, die andere Hälfte in Heimarbeit produziert.
Jedes Produkt ist ein Einzelstück. Die eine Hälfte wird im Atelier, die andere Hälfte in Heimarbeit produziert.

Die neue Mitarbeiterin bewährte sich. Nachdem sich ihre Gesundheit verbessert hatte, äusserte sie den Wunsch, in das inzwischen hinzugekommene Atelier zu wechseln. «Ich war bereit, der Frau mehr Verantwortung zu geben», sagt Maria Lüscher. «Dazu würde sie sich aber einiges Fachwissen erarbeiten müssen. Deshalb ging ich zum ersten Mal auf die IV-Stelle zu und fragte nach einer finanziellen Unterstützung.» Die gab es: Ein Einarbeitungszuschuss ermöglichte es der Mitarbeiterin, sich in sechs Monaten die erforderlichen Qualifikationen zu erwerben und sich gut in den Atelierbetrieb einzuleben.

«Wir waren beide begeistert», so die Geschäftsführerin. Deshalb habe sie einem weiteren Menschen eine Chance geben wollen. «Unsere Arbeit ist gut geeignet für Menschen mit psychischen Problemen. Im Atelier noch mehr als in der Heimarbeit, wo man sich die Zeit selber einteilen muss.» Woher hat Maria Lüscher diesen Optimismus? Als sie noch als Pflegefachfrau gearbeitet habe, sei sie auch auf der Psychiatrie im Einsatz gewesen. Sie wisse, was das Leben bringen könne. Das sei vielleicht ein Vorteil, aber entscheidend sei, offen und flexibel zu sein: «Bei Problemen setzt man sich zusammen und sucht gemeinsam eine Lösung. Es braucht aber den Willen, an der gemeinsamen Sache dranzubleiben.»

Die SVA Zürich vermittelte Maria Lüscher eine junge Schneiderin, die ein Burn-out erlitten hatte. Sie machte einen sechsmonatigen Arbeitsversuch im Atelier. Und arbeitet heute noch für das Unternehmen, allerdings mit kleinem Pensum und in Heimarbeit, da sie inzwischen Mutter geworden ist.

Das Team trägt mit

Die Mitarbeiterinnen waren von Anfang an informiert. Das findet Maria Lüscher wichtig für eine erfolgreiche Eingliederung. Das Team habe sehr gut reagiert und sie unterstützt. «Ich erlebe, wie das Team in einer solchen Situation wächst, wie ein grosser Zusammenhalt entsteht. Fast so etwas wie eine Familie.» Der beste Beweis dafür: Im Jahr 2014 stellte Maria Lüscher eine gelernte Bijouterie-Verkäuferin mit körperlicher Erkrankung als Näherin ein. Zunächst mit einem 80-Prozent-Pensum tätig, fiel sie wegen gesundheitlicher Probleme während zweier Jahre immer wieder aus. Geschäftsführerin und Team haben aber zu ihr gehalten. Die Mitarbeiterin ist heute gesund und weiterhin für das Unternehmen tätig.

Erfolg sei natürlich nicht garantiert, räumt Maria Lüscher ein. Den bisher letzten Eingliederungsversuch habe sie abbrechen müssen. «Es war eine Gratwanderung: Arbeit zu haben, gibt einem Menschen Halt. Aber irgendwann wurde die Arbeit zur Belastung, weil die Krankheit nicht therapierbar war.» Entmutigen lässt sich die Geschäftsführerin deswegen nicht. Wer den Aufwand nicht scheue, könne sehr loyale und dankbare Mitarbeitende gewinnen.

Maria Lüscher schätzte die Unterstützung durch die SVA Zürich sehr. «Ich hatte die Visitenkarte meiner Eingliederungsberaterin. Zu wissen, dass ich mich jederzeit an sie wenden konnte, gab mir Sicherheit. Sehr wichtig war für uns auch die finanzielle Unterstützung. Denn hier in der Textilindustrie leben wir mit extrem kleinen Margen.» Was lässt ihrer Meinung nach andere Arbeitgeber zögern, einem Bewerber mit Krankheitshintergrund eine Chance zu geben? «Die grösste Hürde ist, überhaupt auf die Idee zu kommen.» Braucht es also mehr Information von der IV-Stelle? «Nein, gefragt sind wir Arbeitgeber. Wenn wir unseren Kollegen von unseren guten Erfahrungen berichten, können wir die Hemmschwelle senken.»

Eingliederung im Takt mit Betriebswachstum

Gelegenheit zur beruflichen Eingliederung bot sich dann, wenn das Unternehmen einen Wachstumsschub erlebte. Einen wichtigen Schritt machte Maria Lüschers Unternehmen erst im vergangenen Herbst: Waren die Babytragen bisher einzig auf der Website anzuschauen, können sie neu auch vor Ort anprobiert werden. Und erstmals in der Firmengeschichte gibt es ergänzend zu den Einzelstücken eine Serienproduktion.

www.tragebaby.ch

Anzahl Mitarbeitende: 19

Anzahl Neueinstellungen: 3
2014: Frau, gelernte Bijouterie-Verkäuferin, körperliche Erkrankung. 80-Prozent-Pensum. Aus gesundheitlichen Gründen während zweier Jahre immer wieder ausgefallen. Heute in derselben Funktion im Betrieb. 

Frau, gelernte Näherin, psychische Erkrankung, sechsmonatiger Arbeitsversuch im Atelier, Pensum von 80 bis 100 Prozent. Inzwischen Mutter geworden, arbeitet sie nun mit 30-Prozent-Pensum in Heimarbeit.

2012: Frau, gelernte Coiffeuse, psychische Erkrakung. Bezieht Viertelsrente der IV. Beginnt als Seriennäherin in Heimarbeit mit 70-Prozent-Pensum, wechselt dann mit Einarbeitungszuschuss als Näherin in die Einzelanfertigung im Atelier. 

Die weiteren Preisträger