Meyer Orchideen AG

Pflege mit Herz

Das Herz auf dem Firmenemblem ist Hanspeter Meyer wichtig. Er führt seit 16 Jahren den von seinem Grossvater gegründeten Betrieb in Wangen bei Dübendorf. Sein Herz schlägt für die Orchideen: Wenn im Gewächshaus nachts um halb drei eine Klimaanlage ausfällt, schaut er sofort zum Rechten. Herz zeigt er aber auch für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Am Geburtstag darf jeder machen, was er will. Einen Imbiss für die Kollegen mitbringen oder frei nehmen. Und wenn Hanspeter Meyer von einer erfolgreich eingegliederten Mitarbeiterin spricht, braucht er keine medizinischen Begriffe, sondern sagt: «Sie hatte in der Kindheit kaum Zuspruch und Lob erfahren und hatte deshalb kein starkes Selbstwertgefühl, als sie zu uns kam. Schauen Sie sie heute an: eine selbstbewusste junge Frau.»

Für sie hat Hanspeter Meyer vor gut acht Jahren nach einem Praktikum eine passende Teilzeitstelle im Verkauf geschaffen. Ein volles Pensum kam aus gesundheitlichen Gründen nicht infrage. Als es darum ging, zur Ergänzung eine IV-Teilrente zu prüfen, kam Hanspeter Meyer zum ersten Mal in direkten Kontakt mit der IV-Stelle.

Ein ideales Umfeld

Die Eingliederung von Menschen mit Handicap war für den Betrieb nichts Neues. Man arbeite schon lange mit der Stiftung Brunegg zusammen. «Sie betreibt in Hombrechtikon unter anderem eine Gärtnerei und schickt uns öfters junge Leute für ein Praktikum von ein bis zwei Monaten», so Hanspeter Meyer. «Bei uns können sie überall arbeiten. Das Umfeld ist ideal. Orchideen sind Lebewesen, Individuen wie wir alle.» Braucht es nicht gerade deshalb Fachwissen, wie er es Orchideenfreunden in Workshops vermittelt? «Wir sind hier in einer Nische innerhalb der Branche. Orchideen sind in der Gärtnerausbildung kein Thema. Deshalb müssen wir sowieso ausbilden, egal woher jemand kommt.»

Um uns einige typische Arbeiten zu zeigen, führt uns Hanspeter Meyer durch mehrere unterschiedlich klimatisierte Gewächshäuser mit unzähligen langen Pflanzenreihen zu der Stelle, an der pikiert wird: Ein junger Mann mit starker Hörbehinderung nimmt Jungpflanzen aus der Erde und reinigt sorgfältig ihre Wurzeln. Dann krümmt er die Wurzeln zurecht und setzt die Pflanzen in einen grösseren Gemeinschaftstopf. Um jegliche Verschmutzung der Kulturen zu vermeiden, trägt der Mitarbeiter Gummihandschuhe.

Eintopfen ist eine der wichtigsten Arbeiten. Viel geschieht in Handarbeit.
Eintopfen ist eine der wichtigsten Arbeiten. Viel geschieht in Handarbeit.

In einer anderen Halle wird eingetopft. «Das ist eine der wichtigsten Arbeiten», sagt Hanspeter Meyer. «Die Pflanzen sind mitten in der Kulturzeit. Sie haben neun Monate hinter sich und noch knapp anderthalb Jahre vor sich, bis sie in den Verkauf kommen. Das ist der einzige Ort, an dem wir eine Maschine einsetzen können.» Die Maschine führt den fünf Frauen, die im Halbkreis darum stehen, Pflanzen, Erde und leere Töpfe zu. Alles Weitere geschieht in Handarbeit. Die Mitarbeiterinnen füllen die Töpfe mit Erde, nehmen jeweils zwei Pflanzen aus dem flachen Behälter und setzen sie im richtigen Abstand zueinander ein, nicht zu tief in die Erde und nicht zu hoch. Sonst würden die Orchideen eingehen. Die gefüllten Töpfe laufen im äusseren Ring der runden Arbeitsfläche weiter und über ein schmales Förderband zu einem Mitarbeiter. Er stellt sie in ein Gebinde. Die vollen Gebinde deponiert er zum Weitertransport in einem der Hängeregale, die sich durch die ganze Anlage schieben lassen. 

Handarbeit oder besser: Fingerspitzengefühl ist auch gefragt beim sogenannten Stäben: Die Blütenrispen werden mit einem Klämmerchen an einem Bambusstab fixiert, damit der Stiel nach oben steht. Bei zu starkem Druck würde die Rispe abbrechen.   

Offenheit entscheidend für den Erfolg

«Da wir neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowieso ausbilden müssen, haben wir vielleicht eine tiefere Hemmschwelle», so Hanspeter Meyer. «Wir können im ganzen Unternehmen Menschen eine Chance auf einen Start in einem neuen Berufsfeld geben.» Er sieht höchstens praktische Einschränkungen: Für einen Rollstuhl wäre es an vielen Stellen zu eng. Damit Eingliederung gelinge, brauche es vor allem eines: Offenheit. Ein grosser Vorteil seiner Branche sei gerade, dass man nicht nach starrem Schema arbeiten könne. Vielleicht helfe ihm auch seine Grundeinstellung: «Es kommt schon gut.» Er achte bei Einstellungsentscheiden immer auch auf das Bauchgefühl. Mit wenigen Ausnahmen seien immer sehr gute Leute in den Betrieb gekommen.

Hanspeter Meyer weiss die professionelle Unterstützung zu schätzen: Die Praktikantinnen und Praktikanten der Stiftung Brunegg würden zu Beginn von einer Betreuerin begleitet, und die SVA Zürich schicke bei Bedarf einen Job Coach. Die finanzielle Unterstützung sei ebenfalls eine Entlastung. Und ohne ein Team, das mittrage, ginge es auch nicht. «Ich kann nicht allein aus dem Büro heraus eingliedern.» Das vor einigen Jahren eingeführte Göttisystem bewähre sich. Und wie wirkt sich das Engagement auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus? Das Verständnis für Menschen mit Handicap sei auf jeden Fall grösser als anderswo. «Zu sehen, dass es nicht selbstverständlich ist, gesund zu sein, macht uns alle offener und toleranter.»    

Freitagsgespräch

«Es möglich zu machen, dass Menschen ihr Potenzial ausleben können, ist ein grosser Teil unserer Motivation.» Damit meint Hanspeter Meyer, dass die Praktikantinnen und Praktikanten den Übertritt in den ersten Arbeitsmarkt schaffen. Aber nicht nur. Er meint auch die besonderen Stärken, die jeder Mensch habe. Um ihnen Raum zu geben, hat er in seinem Betrieb das wöchentliche Freitagsgespräch lanciert. Dabei gestaltet jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter einmal eine Viertelstunde für alle. Das falle nicht allen gleich leicht. Aber es lohne sich: «Einmal haben wir geturnt. Dann tischte eine Mitarbeiterin Produkte von ihrem Hof auf. Und der hörbehinderte junge Mitarbeiter gab uns eine Einführung in die Gebärdensprache.» 

www.swissorchid.ch

Anzahl Mitarbeitende: 30

Anzahl Neueinstellungen: 4
2015:
Mann, psychische Erkrankung, neue Stelle geschaffen im Hausdienst, 50-Prozent-Pensum, IV-Teilrente.

2014: Frau, psychische Erkrankung, neue Stelle geschaffen im Verkauf, 50-Prozent-Pensum, IV-Teilrente.

2010: Frau, leichte Lernschwäche, neue Stelle geschaffen im Verkauf, 50-Prozent-Pensum, IV-Teilrente.

2007: Mann, starke Hörbehinderung, angepasste Stelle als Gärtner, 45-Prozent-Pensum, IV-Teilrente.

Die weiteren Preisträger