Hans Gerber AG

Feinster Holzstaub schwebt in der Werkstatt, gut sichtbar im einfallenden Licht der Sonne. Die Säge- und Schleifmaschinen laufen auf Hochtouren. Schreiner schneiden die Holzplatten in die gewünschte Grösse, stapeln sie sorgfältig für die Produktion. In einer Ecke bepinselt ein Mitarbeiter Holzkreuze mit Beize. Kreuz um Kreuz hängen an einem Metallgestell und trocknen, Särge reihen sich nebeneinander. In der Hans Gerber AG in Lindau entstehen jährlich 16‘000 Särge. Das ist ein Viertel der gesamten Produktion der Schweiz.

Angefangen hat alles klein. Hans Gerber sen. war in den Fünfzigerjahren nicht nur Bauer sondern auch Schreiner. Nebenbei produzierte er Särge, anfangs nur zehn pro Jahr für die umliegenden Dörfer. Ab 1960 fokussierte er sich ganz auf die Herstellung von Holzsärgen und parallel dazu auf Dienstleistungen im Bestattungswesen. 1990 übernahm Hans Gerber jun. dann die Geschäftsleitung. Seit 2015 führt Urs Gerber, der jüngste Sohn des Firmengründers, das Unternehmen. Heute ist die Firma eine der führenden Sargproduzenten der Schweiz und im Kanton Zürich in vielen Gemeinden als Dienstleister im Bestattungswesen tätig.

Was sich in all den Jahren nicht verändert hat, ist das gesellschaftliche Engagement der Familie Gerber. Es basiert auf christlicher Nächstenliebe. «Schon meine Grosseltern haben sich um andere gekümmert», erzählt Firmenchef Urs Gerber. «Meine Mutter und ihr Bruder haben nach dem Krieg hier im Haus als Pflegekinder gelebt, so hat dann auch meine Mutter den Sohn des Hauses, meinen Vater, kennengelernt. Für meinen Vater war nach der Unternehmensgründung klar, dass er Menschen unterschiedlichster Herkunft in die Arbeitswelt integriert. Ich habe diesen Grundsatz übernommen.»

Die Hans Gerber AG produziert einen Viertel sämtlicher Särge für die Schweiz.
Die Hans Gerber AG produziert einen Viertel sämtlicher Särge für die Schweiz.

Gleichbehandlung ist eine Selbstverständlichkeit

Urs Gerber macht keinen Unterschied zwischen Mitarbeitenden mit und ohne Handicap. «Ich will sie gar nicht speziell herausheben und behandle alle gleich», erklärt er. In der Werkstatt arbeiten Leute mit verschiedenen Hintergründen zusammen. Eine feste Einteilung gibt es nicht. Der Werkstattchef entscheidet täglich, wer für welchen Arbeitsschritt eingeteilt wird.
 
Einer dieser Mitarbeiter ist Klaus*. Er hat psychische Probleme und war suizidgefährdet. Sein letztes Lehrjahr als Konstrukteur absolvierte er mit Unterstützung der IV. Bevor er zur Hans Gerber AG kam, baute er seine Arbeitsfähigkeit bei einem Arbeitsversuch in einem anderen Unternehmen auf. «Er hat bei uns nur einen Tag geschnuppert, dann haben wir ihn in einem Pensum von 80 Prozent in der Werkstatt angestellt. Das läuft bis jetzt ohne Probleme», erzählt Gerber.

Der Grossteil der Särge, die das Unternehmen herstellt, sind Standardgrössen, die Produktion läuft weitgehend automatisiert. Die Exemplare der Sondergrössen hingegen werden von Hand verleimt und lackiert. Im oberen Stockwerk des Unternehmens befindet sich eine Ausstellung mit allen möglichen Sarg-Varianten. Neben der Standardausführung gibt es verschiedene Polster, Griffe oder Bemalungen.

Trotz hoher Automation ist immer noch Handarbeit gefragt.
Trotz hoher Automation ist immer noch Handarbeit gefragt.

Individuelle Stellenanpassung

In ihrer Rolle als Bestatter sind die Chauffeure der Firma den ganzen Tag unterwegs, liefern Särge aus und transportieren Verstorbene. Einer der Chauffeure hat Rückenprobleme bekommen und kann nicht immer alle Dienste übernehmen. «Er gibt mir dann jeweils Bescheid, wie es ihm geht, dann können wir die Personalplanung anpassen», sagt Gerber. Für den Firmeninhaber ist es selbstverständlich, dass er alles versucht, um bei Krankheiten oder Unfällen die Stelle seiner Mitarbeitenden zu erhalten. Ein Werkstattmitarbeiter ist seit dreissig Jahren für das Unternehmen tätig. Doch wegen Knieproblemen und weil er nach einem Unfall nicht mehr alle Finger hat, ist er heute nur noch zu 50 Prozent arbeitsfähig. Gerber setzte alles daran, seinen Mitarbeiter zu behalten.

Urs Gerber ist ein gutes Arbeitsklima wichtig. «Das Team muss Mitarbeitende mit Beeinträchtigungen akzeptieren und etwas mehr Rücksicht nehmen. Es gibt Momente - vor allem in Stresssituationen - in denen ich das Team daran erinnern muss.» Gerber findet, jedes Unternehmen sollte sich für die Integration von Menschen engagieren, die es auf dem freien Arbeitsmarkt schwer haben: «Es kann doch nicht sein, dass ein Teil der Bevölkerung, der arbeiten kann und will, vollständig von der Allgemeinheit getragen werden muss. Eine Integration entlastet die Betroffenen, aber auch die gesamte Gesellschaft.»

«Das Selbstwertgefühl steigt»

Manchmal muss Urs Gerber Klartext sprechen: «Wenn einer das Wochenende durchfeiert und deshalb nicht fit ist am Montag, dann sage ich deutlich, dass ich von ihm die volle Leistung erwarte. Das gilt für das ganze Team.» Probleme schnell und offen anzusprechen, mit dieser Strategie fährt Gerber schon lange gut. Erst einen Integrationsversuch musste er bisher abbrechen. «In diesem Fall war nach einem Monat klar, dass die Leistungsfähigkeit auch nach einer längeren Integrationsphase nicht hoch genug sein wird. Das konnte ich aus wirtschaftlichen Überlegungen nicht verantworten».

Gerber findet es motivierend, wenn eine Integration erfolgreich verläuft. «Das Selbstwertgefühl der Leute steigt, wenn sie eine sinnvolle Arbeit leisten. Egal, ob sie eine körperliche Behinderung oder eine psychische Beeinträchtigung haben. Ob es Asylsuchende sind oder Menschen, die mit Alkoholsucht zu kämpfen haben. Ziel der Integration ist, dass sie zu einem Mitarbeiter werden wie alle anderen.»

Integration wird bei der Familie Gerber nicht nur im Betrieb gelebt. Als die eigenen Kinder noch jünger waren, nahmen die Gerbers Pflegekinder auf. Heute haben sie in ihrem Haus nicht nur Firmenbüro und Werkstatt untergebracht, sondern vermieten auch eine Einliegerwohnung an eine Familie von Asylsuchenden. Der Firmenchef findet: «Ich muss meinen Mitarbeitenden vorleben, dass Integration für mich nicht nur leere Worte sind.»

*Name von der Redaktion geändert.

www.gerber-lindau.ch

Mitarbeitende: 30

Neueinstellungen: 1

2019: Ein junger Mann mit psychischen Problemen baut in einem Arbeitsversuch bei einem anderen Unternehmen seine Arbeitsfähigkeit auf. Die Hans Gerber AG stellt ihn zu 80 Prozent in der Werkstatt an.

Arbeitsplatzerhalt: 2

2018: Ein Chauffeur mit Rückenproblemen.

2018: Ein Werkstattmitarbeiter, der bei einem Unfall Finger verlor und mit Knieproblemen zu kämpfen hat, ist nur noch zu 50 Prozent arbeitsfähig.

Die Hans Gerber AG gibt Menschen eine Chance, die es auf dem freien Arbeitsmarkt schwer haben. Ein Asylsuchender arbeitet seit über einem Jahr in der Werkstatt und ist im Team gut integriert. Die Familie des Firmenchefs engagiert sich auch privat für Menschen, die Unterstützung benötigen.

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