Alterszentrum Lanzeln

Menschen im Zentrum

Wenn Marie-Louise Sarraj durch das Alterszentrum Lanzeln in Stäfa geht, wird sie von allen Seiten begrüsst. Die Zentrumsleiterin grüsst alle zurück – mit Namen. Ab und zu bleibt sie stehen, plaudert mit einer Bewohnerin über deren Orchideen, beantwortet die Frage einer Küchenangestellten zum nächsten Anlass.

Sarraj arbeitet seit 22 Jahren für das Alterszentrum. Sie ist die treibende Kraft hinter dem Engagement zur Integration von Mitarbeitenden mit Handicap. Ihre Leidenschaft für das Thema ist ansteckend. Doch die Zentrumsleiterin wehrt sich dagegen, das ganze Lob allein einzustreichen. «Mein gesamtes Team ist für die erfolgreiche Integration mitverantwortlich. Ohne meine Mitarbeitenden wäre es gar nicht möglich», betont sie.

Ein menschliches Bedürfnis

Marie-Louise Sarraj ist für den Einstellungsprozess verantwortlich und prüft alle Anfragen für Integrationen. Sie führt die Erstgespräche mit den potenziellen Mitarbeitenden und überlegt, in welchem Bereich jemand am besten tätig werden könnte. Arbeitsstellen in der Hotellerie, der Küche oder im technischen Dienst eignen sich besonders für Menschen mit Krankheit oder Behinderung, dort lassen sich Stellen mit geringem Stresspotenzial schaffen. In der Pflege ist das nur schwer möglich.

Sarraj kann sich nicht mehr daran erinnern, wann sie den ersten Mitarbeiter mit Handicap im Alterszentrum angestellt hat. Es ist schon Jahre her. «Ich habe in der Familie jemanden mit Beeinträchtigung. Darum war die Integration von Menschen mit Handicap schon immer ein grosses Anliegen für mich. Sich wertvoll zu fühlen, ist ein menschliches Bedürfnis», sagt sie.

Neben Mitarbeitenden mit körperlichen und psychischen Problemen arbeiten im Alterszentrum Lanzeln auch andere Menschen, die es auf dem freien Arbeitsmarkt schwer haben. «Wir haben Leute angestellt, die ausgesteuert waren, wir haben Menschen aus dem Strafvollzug, und wir haben Mitarbeitende, die Krieg erlebt haben», berichtet Sarraj. Mit denen spricht sie schon mal über deren Traumata. Mit der gebotenen Vorsicht natürlich: «Ich frage nie nach, sondern lasse sie von sich aus erzählen.»

Das Alterszentrum Lanzeln ist ein Ort der Begegnung.
Das Alterszentrum Lanzeln ist ein Ort der Begegnung.

Offen für Arbeitsversuche

Jedes Jahr ermöglicht Sarraj im Alterszentrum drei bis fünf Arbeitsversuche. Während der Arbeitsversuche ist die Zentrumsleiterin in Kontakt mit den Mitarbeitenden, deren Teamleiter und in manchen Fällen mit Hausärztinnen und Hausärzten. «Wir geben gerne jederzeit die Chance auf einen Arbeitsversuch. Ob wir danach jemanden fest anstellen», erklärt sie, «hängt davon ab, ob es für beide Seiten passt und ob wir gerade eine freie Stelle haben».

Für eine erfolgreiche Integration ist entscheidend, dass der Leistungsdruck angepasst wird und das Team bereit ist, Geduld für neue Angestellte mit Handicap aufzubringen. «Es gibt Momente, in denen es Spannungen gibt, weil die Mitarbeitenden gerade selbst gestresst sind», sagt Sarraj. «Ich erinnere sie dann daran, warum Integration wichtig ist. Es könnte uns allen passieren, dass wir in die Situation kommen, wo wir auf den Goodwill von anderen angewiesen sind. In so einem Moment sind auch wir froh, wenn uns jemand eine Chance gibt.»

Eine solche Chance erhielt u. a. ein Mitarbeiter, der heute im technischen Dienst arbeitet. «Er hat sich hier schnell unersetzlich gemacht. Er ist sehr freundlich und aufgeschlossen und zeigt als Elektriker grosses Geschick», erzählt Sarraj. «Die Bewohnerinnen und Bewohner lieben ihn und verlangen oft nach ihm. Diese positiven Rückmeldungen tun ihm sehr gut.»

Auch die Gänge sind wohnlich eingerichtet und bieten einen Platz zum Leben.
Auch die Gänge sind wohnlich eingerichtet und bieten einen Platz zum Leben.

Bereicherung für das Team und für die Bewohner

Das heutige Alterszentrum Lanzeln mit Blick auf den Zürichsee gibt es bereits seit rund 60 Jahren. Vor über zehn Jahren wurden die alten Gebäude stufenweise durch neue ersetzt. Sarraj war bei der Ausgestaltung der neuen Gebäude beteiligt. Sie ist selbst gelernte Pflegefachfrau. Sie weiss, wie ein Altersheim gebaut sein muss, damit die Bewohnerinnen und Bewohner sowie das Personal sich wohl fühlen. So wirken die Gänge für Aussenstehende ungewöhnlich breit - und ungewöhnlich möbliert. Auf dem Weg zum gemeinsamen Kaffee und Kuchen passieren die Bewohnerinnen und Bewohner Biedermeier-Schränke, schwere Holz-Sekretäre und gemütliche Sofas. Auch in diesem Zusammenhang spricht die Zentrumsleiterin aus Erfahrung: «Uns war wichtig, dass die Gänge Platz haben für das Leben.»

Heute findet in einem abgetrennten Teil des Restaurants ein Erzählcafé statt. Einige Bewohnerinnen und Bewohner erzählen Schülerinnen und Schülern Geschichten aus ihrem Leben. Nicht nur für die Kinder ist das spannend, die Erzählerinnen und Erzähler haben so auch die Möglichkeit, sich gegenseitig kennenzulernen. Das ist bei der Grösse des Alterszentrums Lanzeln gar nicht immer so einfach. Die Institution verfügt über insgesamt 142 Betten. 2019 gab es 90 Eintritte, das heisst zwei Drittel der Besetzung hat innerhalb eines Jahres gewechselt.

Der Leiterin ist wichtig, dass das Alterszentrum Lanzeln ein guter Arbeitgeber ist. Ein besonderes Anliegen ist ihr die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. «Viele ehemalige Mitarbeitende kehren wegen der guten Bedingungen zurück», berichtet sie. Die engagierte Zentrumsleiterin wird Ende Jahr pensioniert. Es ist zu spüren, dass ihr dieser Schritt nicht leichtfallen wird. «Ich werde die positiven Geschichten vermissen. Von einer erfolgreichen Integration werden bei uns als grösserer Betrieb viele Personen positiv berührt. Die Rückmeldungen von meinem Team und von den Bewohnerinnen und Bewohnern beweisen, dass Menschen mit Beeinträchtigung eine absolute Bereicherung sind.»

www.lanzeln.ch

Mitarbeitende: 170

Neueinstellungen: 3

2018: Zwei Männer mit psychischen Problemen werden zu 100 Prozent angestellt.

2019: Ein Arbeitsversuch eines Mannes verläuft erfolgreich. Er wird in einem 70 Prozent-Pensum fest angestellt.

Arbeitsplatzerhalt: 4

2018: Eine Mitarbeiterin mit Brustkrebs, eine Mitarbeiterin mit Depression

2019: Eine Mitarbeiterin mit Multipler Sklerose, zwei Mitarbeiterinnen mit psychischen Problemen

Arbeitsversuche

Durchschnittlich sind es drei bis fünf Arbeitsversuche pro Jahr. Wenn eine Stelle offen ist, bietet das Alterszentrum Lanzeln im Anschluss an einen erfolgreichen Arbeitsversuch die Möglichkeit auf eine Festanstellung.

Neben Menschen mit Handicap stellt das Alterszentrum Lanzeln auch Mitarbeitende ein, die es auf dem freien Arbeitsmarkt schwer haben. Namentlich Menschen, die aus dem Strafvollzug kommen und Ausgesteuerte sowie Asylbewerber.

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