Arrigoni Sport GmbH

Vollgas für die Integration

Rund 20 000 Pferdestärken schlummern unter dem Dach der Arrigoni Sport GmbH in Adliswil. 300 Maschinen von der kleinen Vespa bis zur 400 Kilo schweren Indian. Auf den 1800 Quadratmetern Ausstellungsfläche gibt es alles, was das Bikerherz begehrt – bis hin zu Leihmaschinen und passenden Outfits. Der riesige Laden macht Eindruck. Das Ambiente nutzt Inhaber Daniel Arrigoni regelmässig für Events. An diesem Januarmorgen steht Daniel Arrigoni, umringt von einem Grossteil seiner 35 Mitarbeitenden, inmitten der Maschinen. Es ist 9 Uhr, er schliesst die morgendliche Teamsitzung: «Ich danke euch für die unglaubliche Arbeit, die ihr hier leistet.» Jetzt kann es losgehen, das Motorradcenter öffnet seine Türen. Die Kundschaft wird grundsätzlich geduzt, so ist es üblich unter Bikern. Eine eingeschworene Gemeinschaft, die auch Privates teilt. «Wir haben alle Benzin im Blut», sagt Daniel Arrigoni mit leuchtenden Augen. Das verbindet.

«Zuverlässigkeit und Präzision»

Als Arrigoni zum ersten Mal von Dominik* hört, packt ihn die Geschichte sofort. Der 30-jährige Polymechaniker ist der Sohn eines Kunden. Er leidet an Depressionen mit einer kombinierten Persönlichkeitsstörung. Sein Traum: In einer Töffwerkstatt arbeiten. Doch dieser Traum scheint nach einem Jahr Klinikaufenthalt und einem weiteren Jahr in der Tagesklinik in weiter Ferne. Die Anforderungen in einer Werkstatt sind hoch. «Bei uns geht es um Zuverlässigkeit und Präzision», sagt Arrigoni. Sicherheit hat oberste Priorität. Dennoch trifft er sich mit Dominik. Zuerst allein, dann mit seinem Psychologen. Der junge Mann überrascht Arrigoni schon beim Kennenlernen. «Er hat ein super Charisma und geht erstaunlich offen mit seiner Krankheit um.» Für Arrigoni ist sofort klar: Es muss eine Möglichkeit für eine Zusammenarbeit geben! 2018 startet er einen dreimonatigen IV-Arbeitsversuch mit Dominik. Anfangs erhält der junge Mann einfache Arbeiten, wird eng begleitet. Einen Arbeitsvertrag braucht es in dieser Zeit noch nicht. Beide Parteien können unkompliziert herausfinden, ob die Zusammenarbeit funktioniert. Das tut es – meistens jedenfalls. Doch es gibt auch schlechte Tage. Der 30-Jährige erscheint nicht zur Arbeit, ist nicht zu erreichen, nicht ansprechbar. Diese Phasen können wenige Tage oder mehrere Wochen dauern. Dennoch entscheidet sich der ehemalige Trialfahrer Arrigoni erneut für Dominik. Es kommt zum Arbeitsvertrag. Arrigoni sieht es als seine Pflicht, etwas zurückzugeben. «Hätte ich nie Leute gehabt, die mir geholfen hätten, wäre ich im Leben nicht so weit gekommen», erklärt er.

Batman-Feeling garantiert: eine Spezialanferigung der Arrigoni Sport GmbH.
Batman-Feeling garantiert: eine Spezialanferigung der Arrigoni Sport GmbH.

Gesundes vom «Chrüterhäxli»

An der Theke steht Christa Arrigoni und braut einen Holunderpunsch aus Ingwer, Limetten und selbst gesammelten Holunderblüten. Die gelernte Pflegefachfrau HF ist gleichzeitig diplomiertes «Chrüterhäxli». Sie versorgt die Mitarbeitenden des Betriebs regelmässig mit gesundheitsfördernden Getränken, Kräutern und sonstigen Spezialitäten. Krankheiten und persönliche Probleme sind hier keine Tabuthemen. Hat jemand mal einen schlechten Tag, kann er den Chef um eine einfache Arbeit bitten. «Ich frage nicht, was los ist, ich teile die Leute einfach entsprechend ein. Wenn jemand reden will, bin ich da.» Die Mitarbeitenden wissen das zu schätzen, ausgenutzt wird die Grosszügigkeit deshalb nicht.

Flexibilität ermöglicht Integration

Dominik ist besonders dankbar für die Chance, die er erhalten hat. Er ist motiviert, findet schnell Freunde im Betrieb. Aufgrund seiner Erkrankung ist er langsamer als andere, doch er arbeitet sehr genau. Die gleiche Leistung wie von anderen Mitarbeitenden erwartet der Chef nicht: «Ich habe hier die Flexibilität, die Arbeit so einzurichten, dass wir auch jemanden mit Handicap eingliedern können. Ich teile die Leute so ein, dass sie sich gegenseitig ergänzen.» Bereut hat er seinen Entscheid nie – obwohl es immer wieder Zeiten gab, die alles andere als einfach waren. «Abtaucher» nennt Daniel Arrigoni die Tage oder Wochen, an denen Dominik nicht zur Arbeit erscheint. Insbesondere in den Sommermonaten waren diese unplanbaren Absenzen eine echte Herausforderung für das ganze Team. Das Motorradcenter macht rund 70 Prozent seines Umsatzes innerhalb von sechs Monaten. In dieser Zeit finden zusätzlich viele Events im Laden statt. Wenn dann plötzlich jemand fehlt und nicht zu erreichen ist, braucht das viel Verständnis. Daniel Arrigoni und seine Mitarbeitenden bringen es auf. «Normalerweise ist Dominik absolut zuverlässig. Aber diese Depressionsschübe kann er nicht steuern.»

Dominik arbeitet an diesem Januarmorgen in der Werkstatt an Maschinen, die zum Service da sind. Er ist konzentriert bei der Sache, blickt nur kurz auf, um freundlich zu grüssen. Die Winterflaute nutzt das Motorradcenter hauptsächlich für Servicearbeiten. Dazu sind täglich einige Mitarbeitende mit dem «Werkstatt-Taxi» unterwegs: Sie holen die Maschinen bei den Kunden ab und liefern ihnen die überholten Töffs anschliessend wieder nach Hause.

In der Werkstatt ist höchste Präzision gefragt.
In der Werkstatt ist höchste Präzision gefragt.

«Was würdest du in meiner Situation tun?»

Daniel Arrigoni gibt gerne Vollgas – nicht auf dem Töff, sondern für Prävention und Integration. Als ihm auffällt, dass ein Mitarbeiter überarbeitet ist, organisiert er für ihn eine Auszeit an einem ruhigen Ort. Ein Angestellter kann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr als Motorradmechaniker arbeiten. Arrigoni setzt ihn künftig in anderen Funktionen im Betrieb ein, richtet ihm sogar einen Heimarbeitsplatz ein. Auch ein Verkäufer, der an den Folgen eines schweren Unfalls leidet, kann regelmässig von zu Hause aus arbeiten und sein Arbeitspensum reduzieren. Lernende, die ihre Ausbildung in anderen Betrieben abbrechen müssen, können hier neu starten. Arrigonis Rezept für die Zusammenarbeit in schwierigen Situationen: Perspektiventausch. «Ich überlasse der Person meinen Platz. Dann sagt jeder dem anderen, was er in dessen Situation tun würde. Das schafft gegenseitiges Verständnis.»

Daniel Arrigoni empfiehlt jedem Betrieb, Menschen mit Handicap einzustellen – nicht nur, weil er es für eine gesellschaftliche Verpflichtung hält. «Der Aufwand lohnt sich tausendmal. Man lernt so viel und entwickelt sich persönlich weiter.» Die positive Entwicklung eines Menschen zu begleiten: ein Glücksgefühl. «Es macht mich froh, wenn ich Dominik heute sehe. Wir sind auf einem guten Weg. Er wird noch ein toller Mitarbeiter sein, wenn ich längst nicht mehr im Betrieb bin.»

*Name von der Redaktion geändert.

www.arrigoni.ch

Anzahl Mitarbeitende: 37

Anzahl Neueinstellungen: 1

2018: Ein 30-jähriger Polymechaniker leidet an einer depressiven Störung mit kombinierter Persönlichkeitsstörung: ein Jahr stationärer Klinikaufenthalt, anschliessend Tagesklinik. Er nutzt aktiv sein privates Netzwerk. Mit Erfolg: Nach dreimonatigem Arbeitsversuch erhält er eine Festanstellung mit Einarbeitungszuschüssen. Der Mann arbeitet zu 100 Prozent als Hilfskraft in der Werkstatt.

Arbeitsplatzerhalt

2014: Ein Verkäufer muss infolge eines Unfalls zehn Mal operiert werden. Aufgrund der häufigen Narkosen leidet er an Gedächtnisverlust. Er erhält einen Heimarbeitsplatz und kann das Arbeitspensum auf 60 Prozent reduzieren, so dass er weiterhin als Verkäufer für die Arrigoni Sport GmbH arbeiten kann.

2017: Ein junger Mann kann seinen bisherigen Job aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben. Er kann im Unternehmen bleiben und arbeitet im 100-Prozent-Pensum in einer anderen Position.

Die weiteren Preisträger