Vier Jah­re später arbei­tet Daniel Wüthrich 100 Pro­zent in der Schrei­ne­rei Maag+Takacs AG in Rus­si­kon und bezieht keine IV-Rente mehr. Seine Lehre hat er erfolg­reich abge­schlossen. Er steht zwar nicht in der Schrei­nerwerkstatt, son­dern arbei­tet in der Arbeits­vorbereitung im Büro und klärt die Kunden­wünsche auf der Bau­stelle ab. Dort läuft bei einem Teil der Aufträge von der Offerte über das Zeich­nen der Pläne bis zur Material­bestell­ung alles über sei­nen Tisch. Und ab und zu kommt er auch in die Werk­statt, wenn er die Mit­ar­bei­ter instru­iert oder mit ihnen nach indi­vi­du­el­len Lösungen sucht. Die Schrei­ne­rei Maag+Takacs AG ist auf Mass­an­fer­ti­gun­gen für Möbel, Küchen und Bäder spe­zia­li­siert.

Etwas ver­misse er die hand­werk­li­che Ar­beit schon, sagt Wüthrich, doch das Gebiet der Arbeits­vor­be­rei­tung habe ihn schon als Lehr­ling inter­es­siert und ihm eine Zu­kunftsperspektive ver­mit­telt. «Nur, dass es so schnell kommt, damit habe ich nicht gerech­net.» Nach der Lehrabschlussprü­fung bil­dete er sich wei­ter und konnte Teil­zeit in der Schrei­ne­rei arbei­ten, um das Gelernte im Büro umzu­set­zen, finan­ziert durch die IV-Rente und einen Praktikums­lohn von 800 Fran­ken.

«Nun hat die IV einen weniger», konsta­tiert Takacs und blickt auf einen geglück­ten Fall von Wie­der­ein­glie­de­rung zurück. «Es ist alles aufgegangen», fasst er zu­sammen, alle drei hätten pro­fi­tiert, sein Ange­stell­ter, er als Arbeit­ge­ber und die IV. «Wenn man daran glaubt, muss man ein­fach einen ers­ten Schritt machen, die Ide­en, wie es wei­ter­geht, kom­men dann auto­ma­tisch.» So sei es auch bei Daniel gewe­sen. Von der Berufs­schule bis zu sei­nen Mit­ar­bei­tern hätten alle am glei­chen Strick gezo­gen und immer wie­der neue Lösungen gesucht.

Wenn es sich zeige, dass es nicht gehe, müsse man aber auch den Mut haben, das Pro­jekt ab­zubrechen. Und manch­mal müsse man sich auch einen Schupf geben, oder der Schupf komme von aus­sen.

Nach der geglückten Wie­der­ein­glie­de­rung von Daniel machte Reto Jucker ein Prak­tikum in der Schrei­ne­rei in Rus­si­kon und Takacs sah, wie der junge Mann aufblüh­te. Jucker bezieht auf­grund einer Lern­schwäche eine halbe IV-Rente. An allen ande­ren Orten sei es ein­fach nicht gegan­gen, erzählt Takacs. Wie­derum kam er zum Schluss, «bei uns geht es.» Und es ging auch: Jucker, 27-jährig, arbei­tet Voll­zeit und überall mit, in der Werk­statt und auf dem Bau, er macht den Ser­vice bei den Fir­men­au­tos und ist für die Pneu­wechsel zuständig. Dafür bezieht er 50 Pro­zent eines Leis­tungs­lohns. «Ich bin ein Allrounder», sagt er. In der Schrei­ne­rei im Zürcher Ober­land hat er sei­nen Platz gefun­den.

«Wer nichts wagt, bleibt stehen», sagt Takacs vor dem Tor sei­ner Schrei­ne­rei. Mehr kann er im Moment zu sei­ner Moti­vation, Han­di­ka­pier­ten in sei­nem Betrieb eine Chance zu geben, nicht sagen. Er muss zu einem Kun­den.

Mar­tin Wid­mer, im Januar 2008