Sorg­falt spürt man bei Daniela Blat­ter, wenn sie die Zim­mer in Haus 2 putzt. Zehn Zim­mer rei­nigt sie jede Woche und darf dafür dop­pelt so viel Zeit wie andere brau­chen. Sie arbei­tet ganz­tags, ist zu 60 Pro­zent ange­stellt und bezieht eine Teil­rente. Daniela Blat­ter hat nach der Son­derschule eine Anlehre als Hauswirt­schaftsassistentin gemacht und ist jetzt seit drei Jah­ren im Haus Tabea. Jedes Mal, wenn sie ein Zim­mer fer­tig geputzt und auf der Check­liste kon­trol­liert hat, ob auch alle Punkte erfüllt sind, nimmt sie den letz­ten Punkt beson­ders ernst: «Blick zurück, ist alles OK?» «Alles OK» heisst für Daniela Blat­ter nicht nur, dass das Bett schön ange­zo­gen, die Toi­lette sau­ber ge­putzt und der Papier­korb geleert ist, son­dern umfasst auch die Sorge, wie es der Bewoh­ne­rin des Zim­mers geht. Für ge­wisse Leute sei sie die ein­zige Besu­che­rin an einem Tag. «Ich werde erwartet», sagt sie stolz.

«Der Blick zurück» werde von ihren Mitar­beiterinnen unter­schied­lich gehand­habt, betont Mar­got Näf, die haus­wirt­schaft­li­che Betriebs­lei­te­rin. «Manchmal habe ich das Gefühl, Han­di­ka­pierte haben einen fein­fühligeren Blick», sagt Näf, «sie neh­men sich mehr Zeit und sind in gewis­sen Din­gen genauer.» Ganz genau nimmt es Bri­gitte Koh­ler, die seit zwan­zig Jah­ren im Haus Tabea arbei­tet, die ers­ten Jahre im Spei­se­saal, dann in der Lin­ge­rie. Heute macht sie jeden Vor­mit­tag die «Abfall­tour» und rei­nigt die Toi­let­ten in den Kor­ri­do­ren. Jeden Papier­korb kon­trol­liert­sie dabei drei­mal.

Eig­net sich ein Alters­heim bes­ser als andere Betriebe, um Han­di­ka­pierte in den Arbeit­sall­tag zu inte­grie­ren? Der Lei­ter Urs Ban­ger­ter weist diese Ver­mu­tung weit von sich: Indus­tri­elle Betriebe seien da viel ge­eigneter, denn dort handle es sich um Werkstücke die alle gleich seien. Wenn er dage­gen an die Serviceansprüche «seiner» Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner denke, vom Pro­fes­sor bis zur Bäckersfrau, oder an die unter­schied­li­chen Ansprüche betref­fend Sau­ber­keit, dann gebe es da öfters Kon­flikte zu schlich­ten. Doch auch für Urs Ban­ger­ter hat alles zwei Sei­ten. Der ge­lernte Bau­zeich­ner und langjährige Hotel­direktor in Davos weiss, dass weder in der Indus­trie noch in einem Dienstleistungs­unternehmen «Ausschuss» pro­du­ziert wer­den kann. Han­di­ka­pierte leis­ten für ihn «wertvolle Dienste» und gehören in sei­nem Betrieb zum «selbstverständlichen Alltag». Das spie­gelt sich im Verständnis sei­ner Ange­stell­ten, im Umgang mit Rou­tine, in der nötigen Spontaneität und im Pfle­gen der Sorg­falt. Selbstverständlich ist ein All­tag, wo Gross und Klein, Alt und Jung unter einem Dach zusam­men­le­ben und -arbei­ten.

Mar­tin Wid­mer, im Januar 2007